Üble Manipulation mit Sozialdaten

Endlich eine gute Nachricht: “Eine Studie räumt mit dem Mythos auf, wonach ‘die Armen immer ärmer werden’. In kaum einem anderen Land gelingt Einkommensschwachen der soziale Aufstieg so gut wie in Österreich:” So die “Presse” in großer Aufmachung ihrer Seite 1 am Mittwoch. Die Nachricht entpuppt sich freilich ihrerseits als Mythos, die Inhalte als üble Manipulation mit Sozialdaten durch die Industriellenvereinigung,

Eine exklusiv der “Presse” unterjubelte “Studie der Statistik Austria im Auftrag der Industriellenvereinigung” wollte mit der gängigen Meinung aufräumen, dass der Abstand zwischen Arm und Reich zunehmend auseinanderklafft, die Reichen immer reicher und die Armen immer mehr werden.

Es erübrigt sich, auf die angeblich wunderbar positiven Details der Studie und deren kühne Interpretation durch die IV einzugehen.

Denn schon am Nachmittag stellten die angeblichen Studienautoren der Statistik Austria klar, das es überhaupt keine solche Studie gibt. Man habe bloß vor Monaten der Industriellenvereinigung (IV) auf Anfrage eine Auswertung von Lohnsteuerdaten übermittelt:  “Drei einseitige Datentabellen ohne jeglichen Interpretationsteil.”

Schlimm genug, dass die IV das zu einer seriösen Studie der staatlichen Statistik-Behörde hochjazzte.

Noch viel schlimmer, dass die ausgewiesenen Sozialrechts-Spezialisten der Vereinigung die drastische Begrenztheit  der Aussagekraft dieser statistischen Daten verschwiegen.

o Die Daten beziehen sich nur auf  jene unselbständig Beschäftigten, die sowohl zum Anfang wie zum Ende des Vergleichszeitraum 2000 und  2011 einen Job hatten. Das sind gerade 43 Prozent der Unselbständigen.

o Dass sich die Einkommenlage dieser Personen binnen 10 Jahren durch Karrieren und normale Lohnsteigerungen verbessert hat, sagt nichts über einen allgemeinen Trend für die Unselbständigen aus. Zumal auf diese Weg nur rund 30 Prozent dieser kleinen Gruppe in ein höheres Einkommens-Dezil aufstieg. Mit 40 Prozent sind sogar deutlich mehr in ein niedrigeres Zehntel der Einkommensverteilung abgerutscht.

o Irgendwelche Schlüsse auf die Lage von Arbeitslosen und Armen lassen sich aus diesem statistischen Material überhaupt  nicht ziehen.

Nach den Klarstellungen der Statistik Austria steht die Industriellenvereinigung peinlichts blamiert dar. Das ist ihr Problem.

Schade nur, dass die IV damit sehr viel Kredit verspielt hat, den sie in den vergangenen Jahren mit seriösen Beiträgen zur politischen Meinungsbildung, etwa zur Bildung,  erworben hat.

Die für ihre Mitglieder unangenehme Diskussion über eine stärkere und damit gerechtere Besteuerung von Vermögenszuwächsen jenseits der drastisch besteuerten unselbständigen Einkommen stehen wohl im Hintergrund dieses üblen Rückfalls der sonst so seriös auftretenden IV in eher plumpe Propaganda.

Wer solches notwendig zu haben scheint, beweist nur die Schwäche der eigenen Argumente in einer wichtigen politischen Diskussion.

 

 

 

Kommentare

  1. Klaus Candussi

    Schön, dass die tendentiöse Agitation unter dem beliebten “Studien besagen …” Motto diesmal so schnell und so gründlich daneben ging.
    Mit anderen von Wirtschaftsseite immer wieder gebrachten “Fakten” ist das leider nicht so. Etwa mit dem Befund, dass die überproportional gestiegenen Sozialkosten unfinanzierbare Ausmasse angenommen hätten. Diese These hat die Politik und ihr Umfeld mittlerweile ebenso verinnerlicht, wie die Medien.
    Jüngst präsentierte Zahlen der Wirtschaftsuni Wien (Prof.M.Meyer) ergeben hingegen einen durchaus spannenden Befund: Vor 20 Jahren betrug der Anteil der Sozialausgaben gemessen am BIP rd 29 %. Und heute: Beträgt er – ebenfalls gemessen am inzwischen gestiegenen BIP – rd. 29 %.
    Verändert hat sich nur der Anteil, den “die Wirtschaft” dazu beiträgt. Er hat sich verringert, während jener der Unselbständigen stieg.
    Quelle der Daten: Statistik Austria

  2. Josef Hellberg, Wien

    Uns (in Ö) geht’s sooo gut.

    – ca. 400.000 leiden an Depressionen

    – 360.000 sind alkoholkrank, nur 8% in Behandlung

    – jährlich rund 1.250 Selbstmorde (2-6 pro Tag) [über die keiner berichtet]

    (Quelle: Gesundheitsministerium; Mortalitätsstatistik 2011; Zeitschrift Innenwelt Nr.16)

    Uns geht’s sooo gut.

    (dass die Armut unter IV-Mitgliedern nicht so arg ist, das glaube ich jedoch schon.)

  3. Josef Hellberg, Wien

    Nebenaspekt:

    Hier ist ein weiteres Beispiel, wie Redakteure / Journalisten Presseaussendungen einfach übernehmen — ohne Rücksicht auf den Wahrheitsgehalt.

    So kann und wird oft auch ein richtiger Blödsinn über Medien verbreitet und multipliziert.

  4. margaretha kopeinig

    Ich frage mich, welche Datensätze darf die Statistik Austria weitergeben? Sind diese Daten kostenpflichtig?
    Die IV könnte ja wohl eine seriöse Studie finanzieren.

    • Johann Hochstöger

      Auswertungen der Statistik Austria haben für den Normalverbraucher einen seriöseren Touch als in Verruf geratene Studien.

      Und billiger sind die gewiss auch.

    • Peter Rabl

      Daten der Statistik Austria sind öffentlich, auch Online jederzeit abrufbar. Man muss nur durch den Datenwust finden.

      • Erich Neuwirth

        Das stimmt so nicht. Die Statistik Austria macht auch Auftragsauswertungen, und diese Analysen bekommt dann nur der Auftraggeber.
        Im aktuellen Fall werden 2 Lohnsteuerdatenbestände für die einzelnen Steuerpflichtigen zusammengelegt und gemeinsam ausgewertet. Diese Auswertung gibt es nicht öffentlich verfügbar. So etwas kann man bei der Statistik Austria nur kaufen.

  5. Johann Hochstöger

    Manipulation statt Information als gemeinsame Triebfeder anspruchsloser journalistisch-politischer Bildungsoffensive mit ÖVP-Touch.

    Offenbar ein Vorgeschmack auf erwartbare Umtriebe samt fragwürdigen Kooperationen einer entfesselten Wirtschaft die Spindelegger anstrebt.

    Auffällig das in derart ideologisch harmonisierter Zusammenkunft ein umtriebig dienbarer Experte wie Felderer fehlt.

  6. Rudolf Orlik

    Die IV kanns nicht lassen. Der Aufmacher im Wochenendstandard “Wirkliche Staatsschuld dreimal so hoch wie behauptet” schlägt in dieselbe Kerbe wie die Studie über die Armut. Was will uns die IV eigentlich verklickern? Sie wollen mit diesen sogenannten Studien anscheinend die herbstlichen Lohnverhandlungen zu ihren Gunsten beeinflussen. Angst schhüren, um Begehrlichkeiten der “wohlhabenden” Armen nicht aufkommen zu lassen. Mit dieser Taktik entfernt sich die IV immer mehr von der bereits sehr brüchigen Sozialpartnerschaft. Dieser Verein koppelt sich immer mehr von der Volkswirtschaft ab und glaubt die andere Seite nicht mehr zu brauchen.

    • Klassenkampf

      Ja, innerhalb von wenigen Tagen ein weiteres Mal komplett daneben gehaut! – Tendenziös, manipulativ und weitgehend unwissenschaftlich.

      Wir erleben hier gerade Klassenkampf von oben. – Die Masse ist schuld, dass wir so viele Schulden haben, weil sie so viele Sozialleistungen bekommt. Dass es daran liegen könnte, dass sich die Reichsten hier im Staat samt ihrer Unternehmen praktisch von der Staatsfinanzierung verabschiedet haben, muss man halt verschleiern.

  7. Josef Kreilmeier

    Franz Schellhorn von der “Presse” ist ein radikaler Neoliberaler, nicht umsonst wurde er kürzlich zum Leiter eines neoliberalen Thinktanks um den IV-Altpräsidenten Veit Sorger berufen. Man wird schon wissen warum.

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