Time to say goodbye

Unzählige Sager hat Michael Häupl in drei Jahrzehnten Politik geliefert. Wahlkämpfe als “Zeiten der fokussierten Unintelligenz” wird wohl ewig im republikanischen Schatzkästchen bleiben. Da gab es gelegentlich ziemlich viel Stammtisch-Grobheit, aber immer hohe Treffsicherheit und meist beachtlichen Unterhaltungswert. Die Grobheiten blieben, Präzision und Witz haben über die Jahre nachgelassen. Um zuletzt den Tiefpunkt zu erreichen, an dem weniger über den Sager gelacht wurde als  über dessen Absender: “Es gibt kein Budgetloch, Es gibt von den Prognosen her eine Vorausschau, dass Einnahmen und Ausgaben auseinanderlaufen, und zwar erheblich auseinanderlaufen.“ Aber es ist längst nicht nur der Wortwitz, der deutlich abgebaut hat. Michael Häupl schwächelt in jeder Hinsicht. Und die Wähler haben es längst gemerkt. Time to say goddbye.

Als einziger unter den neun Landeshauptleuten hat der Wiener Bürgermeister im jüngsten Vertrauensindex des Meinungsforschungsinstitutes OGM einen negativen Wert. Minus 4 Prozent sind für üblicherweise eher populäre Landesväter schlicht katastrophal. Nicht nur im Vergleich zu den Häuptlingen der drei anderen größeren Länder: Oberösterreichs Pühriner kommt auf einen bundesweiten Vertrauensüberhang von 34 Prozent, der niederösterreichische Häupl-Kumpel Pröll auf 23, der steirische Genosse Voves immer noch auf 20 Prozent positiven Saldo.

Dazu ist auch Häupl mit seinem  Ansehen im eigenen Land mit 25 Prozent Schlusslicht. Genosse Niessl erreicht im Burgenland 59 Punkte, Pühringer 55, Pröll 53, und Voves trotz schmerzhafter Reformen in seiner Steiermark 37.

Die heute im Kurier veröffentlichten Ergebnisse bestätigen das wachsende Gefühl einer Häupl-Dämmerung. Auf Gemeindebene schwächelt die SPÖ seit dem Verlust der absoluten Mehrheit 2010 in allen Umfragen, bei der jüngsten Nationalratswahl bauten die Wiener Genossen stärker ab als die SPÖ bundesweit. Das hat zumindest auch damit zu tun, dass das einstige Zugpferd Häupl lahmt.

Der lange Jahre omnipotente Bürgermeister schafft es nicht, als starker Erster mit den Grünen eine attraktive Reform-Koalition zu führen. Visionen für die Zukunft der stark wachsenden, immer noch attraktiven aber zunehmend problembelasteten Weltstadt fehlen oder gehen in der öffentlichen Debatte unter. Statt dessen nerven die Grünen mit einer ideologisierten Verkehrspolitik, die im heillosen Durcheinander der Mariahilferstrasse gipfelt.

Die Wiener, besonders die Genossen murren, Häupl verspricht rasche Lösungen, setzt Ultimaten – und kneift am Ende vor dem Sachkonflikt mit seinen grünen Partnern. Häupl regiert längst nicht mehr mit starker Hand, geblieben sind bloß mäßig starke Sprüche. Der über lange Zeit gezielt gepflegte Fiaker-Schmäh gerinnt zunehmend zu resigniertem Gegrantel.

Das ist wohl dem Alter und der langen politischen Karriere des 64jährigen zuzuschreiben. 30 Jahre im Gemeinderat, 25 Jahre in der Stadtregierung ermüden zwangsläufig.

Kommen bei Häupl ein Lebenswandel und exzessive Konsumgewohnheiten dazu, deren deutliche Spuren nicht nur in zunehmender Leibesfülle unübersehbar sind.

Falls sich Häupl – im Gegensatz zu vielen großen Alten wie etwa einst Bruno Kreisky – noch Freunde erhalten hat, die ihm auch unangenehme Wahrheiten sagen, dann ist deren Zeit gekommen.

Im November 2014 kann Michael Häupl sein 20jähriges Jubiläum als Bürgermeister feiern, ein einsamer Rekord in der Stadtgeschichte. Ein perfekter Zeitpunkt für die Übergabe an eine Nachfolgerin, einen Nachfolger. Der oder die hat dann ein Jahr Zeit, sich vor der Gemeinderatswahl 2015 ausreichend zu profilieren.

Das echte Bedauern über Michael Häupls Abschied wird sich dann wohl schon in Grenzen halten. Die historische Anerkennung einer über lange frühere Jahre beachtliche Politik bliebe ihm aber erhalten.

Die von ihm selbst immer noch nicht ausgeschlossene Alternative einer neuerlichen Kandidatur 2015 würde nach allen Anzeichen die ultimativen Niederlage des Wiener Alten bringen.

Das sollte Michael Häupl sich, und das sollten seine echten Freunde ihm ersparen.

 

Kommentare

  1. workforcetrust

    Ein Proletarier ist ein Mensch, der, abgesehen von seiner Arbeitskraft, nichts zu verkaufen hat, aber klassenbewusst denkt und handelt. Lumpenproletarier müssen jedoch entweder zuerst verelenden oder in Umerziehungslagern dem Klassenfeind vorgestellt werden. Man bringe also den Spritzwein!

  2. goetz goetz

    Sein in der Ideologie des 18ten Jhdt verhaftetes “Kasteldenken” hat die Sachlichkeit früherer Jahre längst vergessen lassen. Daher:aurevoir bei der “Resi Tant” in Ottakring.

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