Papst Michael I.

“Wie der Papst, der einen Kardinal in pectore hat” zitiert die allzeit best informierte Daniela Kittner im “Kurier” das Staunen eines Wiener Genossen über Michael Häupls Ansage in der “Pressestunde”: Er kenne seinen Nachfolger schon , verrate aber den Namen nicht . Nicht nur für Sozialdemokraten klingt es eigenartig, dass Häupl über Person und Zeitpunkt seiner Nachfolge im Alleingang  entscheiden zu können glaubt. Verkündete der Bürgermeister doch auch, dass er im Herbst 2015 nochmals als Spitzenkandidat für die Gemeinderatswahl antreten und danach bald sein Amt übergeben wolle.

Selbst im straff organisierten Familienbetrieb der Wiener SPÖ könnte dieses Erbhof-Bauerntum auf Widerstand der Funktionärsbasis stoßen. Spätestens wenn es Häupl und seiner Wiener Parteispitze nicht bald gelingt, aus einem hartnäckigen Umfrage-Tief zu kommen. Die von Kittner zitierten aktuellen 37 Prozent potenzielle SPÖ-Wähler bei einer theoretischen Gemeinderatswahl am nächsten Sonntag sind jedenfalls ein katastrophaler Tiefstand für die ewige rote Rathaus-Mehrheit.

Dass der Wiener Trend kein Genosse mehr ist, verdanken die Sozialdemokraten wohl vor allem der unübersehbaren Führungsschwäche des Bürgermeisters gegenüber den ziemlich eigenwilligen, gelegentlich chaotischen grünen Koalitionspartnern. Die Mariahilferstrasse ist inzwischen eben weit mehr als ein wichtiger lokaler Straßenzug. Längst ist die patscherte Einführung einer an sich durchaus wünschenswerten ordentlichen Fußgängerzone zum Symbol für Rechthaberei und Planungsschwächen der Grünen geworden. Den Ärger darüber baden fast ausschließlich die Sozialdemokraten aus, während die Grünen zumindest ihre radelnde Kernklientel befriedigen können.

Es wird also vor allem darauf ankommen, ob Häupls Kraft und Autorität – wider Erwarten – noch für einen ordnenden Neustart der rot-grünen Koalition reicht. Müde Abgeklärtheit und matt zelebriertes Selbstbewusstsein wie in der “Pressestunde” werden nicht reichen.

Sonst drängt sich die ohnehin logische Frage auf, welche besondere Zugkraft ein Spitzenkandidat Häupl in knapp zwei Jahren überhaupt noch haben sollte. Noch dazu mit der Ankündigung des baldigen Abgangs nach der Wahl.

Der rote Patriarch mag sich in seinem Spätherbst ja persönlich über solche Gesetzmäßigkeiten der Politik erhaben fühlen. Seine Parteifreunden aber sollten sich besser früher als später auf politische Logik und die  Grundregeln innerparteilicher Demokratie besinnen. Wobei die Genossinnen mit der Häuplschen Verkündigung eines männlichen Erben einen zusätzlichen starken Grund dafür haben dürften.

Kommentare

  1. Rudolf Langer

    Mariahilferstrasse ist ein wichtiger lokaler Straßenzug, “der über die Jahrzehnte an Bedeutung verloren hat”, sollte man fairerweise schreiben.
    Eine ordentliche Fußgängerzone – nach dem Vorbild Kärtnerstrasse oder Favoritensstrasse – zu errichten, war offensichtlich unter Berücksichtigung der verschiedensten Einzelinteresse nicht möglich. Dafür eignet sich das jetzige Chaos hervorragend zum Streiten.

    Es ist an der Zeit, dass sich Häupl verabschiedet, weil er beweist, dass er nicht einmal innerhalb seiner Partei mit offen Karten spielt. Der konstruktive Partner, der er einmal gewesen sein mag, ist er schon lange nicht mehr.

  2. Klaus Woltron

    Abgesehen vom Fall Häupl, welcher samt Maria- Hilflosen – Strasse nur ein Symptom ist, eine kurze Betrachtung zum Kern einer ganzen Reihe aktueller Miseren:

    Die exponentiell zunehmende Kakophonie im Zuge der Entscheidungsfindung in sklerotisch werdenden Demokratien – auch in den USA – hat eine einfache und irreversible Ursache. Sie resultiert aus der Kombination von drei einander beschleunigenden Entwicklungen:

    1. Die im Zuge einer unreflektierten Menschenrechts- Doktrin erstarrte Lehre, die Meinung jedes Individuums habe dasselbe Gewicht und den gleichen Wahrheitsgehalt;

    2. Die insbesondere durch die neuen Medien verfügbare Möglichkeit, Qualität und Stimmigkeit individueller Meinungsäußerungen durch Lautstärke und Menge zu ersetzen und zu overrulen;

    3. Die zunehmende Korrumpierbarkeit der Informationsquellen durch wirtschaftliche Abhängigkeit, Reduktion der Pressevielfalt und Ballung der Informationsmacht von Nachrichtenmonopolen.

    Dadurch entsteht eine verstörte öffentliche Meinung, die wegen des Fehlens gemeinsamer Wertestrukturen, einem Ziviel an Information und gezielter Desinformation zu einem Verlust gemeinsam unterstützter Ziele und einer Totalblockade der Entscheidungsfindung führt.

    Fazit: Demokratie ohne verlässliche Information und ein Minimum gemeinsam ausser Streit gestellter Wertvorstellungen mutiert mit fortschreitender Zeit zu einem Kampf jeder gegen jeden. Parteien v erzweigen sich in Tausende Einzelinteressen, bis hin zu allein kämpfenden Einzelindividuen.

    Ausdruck dieser Tendenz ist der immer lauter werdende Ruf nach Basisdemokratie. Diese kann die geschilderten Defizite aber niemals ersetzen, sondern wird die Kakophonie eher noch verstärken.

    Nur das Eintreten einer gemeinsamen existentiellen Bedrohung, die alle ohne Unterschied unter Druck setzt, kann wieder Gemeinsamkeit schaffen – auf welcher Wertebasis auch immer. Sie wird auch, genau wegen des oben geschilderten Versagens demokratisch bewirkter Prävention, mit hundertprozentiger Sicherheit eintreten: Das Musterbeispiel eines selbstbschleunigenden Regelkreises, im Volksmund Teufelskreis genannt.

    • Johann Hochstöger

      Ihre Analyse tendiert zum elitären Begehren den “Dorfdeppen” das Wahlrecht einzuschränken oder besser gleich zu entziehen und Politik wieder nur den Eliten zu überlassen.

      Oder wie soll etwa ihre Erkenntnis “… durch die neuen Medien verfügbare Möglichkeit, Qualität und Stimmigkeit individueller Meinungsäußerungen durch Lautstärke und Menge zu ersetzen und zu overrulen …” interpretiert werden?

      Hat uns nicht Gier, Ignoranz und Überheblichkeit der Eliten der letzten 25 bis 30 Jahre in die Sackgasse “sklerotisch werdender Demokratien” durch Entsolidarisierung der Gesellschaft sowie zur zunehmenden Akzeptanz bis Sehnsucht nach diktatorischen Strukturen geführt?

      Obwohl Vermögen in nie gekanntem Überfluss vorhanden ist mangelt es in nie gekanntem Ausmaß an der Bereitschaft fair zu teilen, und die Wirtschaft im demokratischen Einflussbereich schielt eifersüchtig nach niedrigen Löhnen sowie hohen Zuwachsraten diktatorischer Systeme und hat mit Demokratie, insbesondere der Arbeitswelt, nichts am Hut. Ungeachtet des hohen Preises den diese Länder durch Ressourcenschändung dafür zahlen.

      “Wer das Ge(o)ld hat, hat das Sagen” wurde, unter den Augen wohlwollend akklamierender Politik, auch uns längst als Ultima ratio allen lebenswerten Handelns und Strebens nachhaltig eingeschärft. Wer dagegen auftritt ist schnell in der Schublade des tachinierenden Sozialschmarotzers abgelegt.

      Nutzniessende Eiferer bis SCHEINleister welche solche Botschaften versteckt bis offen bewerben tun ihr übriges, dass sich immer mehr Menschen angewidert von dieser Demnokratie abwenden.

      • Klaus Woltron

        Wir alle wissen: Ohne Unternehmer ist ein Unternehmen – auch das gesündeste – zum langsamen Abstieg verurteilt. Auch noch so gutes mittleres Management, perfektes Controlling und fehlerloses Rechnungswesen können die Weitsicht, Phantasie, den Unternehmensgeist und Kampfinstinkt des Unternehmers nicht ersetzen.

        Ein Gleiches gilt für den Staat. Ohne Staatsmänner oder – frauen: Persönlichkeiten, die über ähnliche Eigenschaften verfügen wie der Unternehmer, darüber hinaus aber noch den Macht – und Politikinstinkt sowie die Kraft besitzen, die notwendig ist, um ein hochkomplexes, volatiles Gebilde wie einen Staat zu moderieren, zu lenken und weitblickend in die für alle optimierte Richtung zu lenken – ohne diese Per-sönlichkeiten ist langfristig kein Staat zu machen. Mit der „sterilen Aufgeregtheit“ (Max Weber), dem unverantwortlichen Ritt auf jeder gerade auflaufenden Welle, wie sie derzeit die Masse unserer Intel-lektuellen und auch die allermeisten Politiker praktizieren, wird das Gemeinwesen in seinem Fortschrei-ten blockiert, Orientierungslosigkeit verbreitet und all das befördert, was der Gemeinschaft schadet: Zwietracht, Zweifel, Gegeneinander. Das Staatswesen zerbröselt zu einem Schutt unkoordinierter Ein-zelinteressen.

        Die Arroganz des Westens

        Es stellt sich immer mehr als ein Witz der Geschichte heraus, wenn der Anspruch der Europäer, ihre Art zu leben, zu wirtschaften, ihr Staatswesen zu organisieren und ihre Führungspersönlichkeiten zu wählen, immer noch als die allein seligmachende und beispielhafte Doktrin weltweit proklamiert wird. Man schlägt sich zwar betreffend die Ausbeutung in der Kolonialphase gleisnerisch an die Brust, übersieht dabei aber, dass man längst in eine weitere Bevormundungsphase eingetreten ist. Wäre ich ein Chine-se, Singapurer, Inder, Somali oder Paschtune, könnte ich über eine derartige Selbstüberschätzung und Hybris entweder nur lachen (als erfolgreicher Chinese und Singapurer) oder den Kopf und die Kalaschni-kow schütteln (als bettelarmer Paschtune oder Somali).

        Was berechtigt uns, die wir nicht dazu fähig sind, ein Konglomerat von 400 Millionen vergleichsweise reicher Bürger in einem gemeinsamen Willen, einer Regierung und Währung zu vereinigen, z.B. dem chinesischen Volk mit 1,5 Milliarden Einwohnern unterschiedlichster Nationalität, Hautfarbe, Religion und wirtschaftlicher Entwicklung vorschreiben zu wollen, wie es sich zu organisieren hätte und was die Rechte und Pflichten seiner Einwohner denn wären? Was würden wir, die immer mehr Rückständigen, denn sagen, welches Geheul erhöbe sich unter unseren dünnhäutigen und rosenfingrigen Intellektuel-len, würden uns Chinesen und Inder andauernd vorhalten, dass wir Wasser predigen und Wein trinken, indem wir die sogenannten Menschenrechte gedankenlos preisen und gleichzeitig Panzer, Kanonen und tödliche Gase an alle möglichen Diktatoren liefern? Dass wir unsere eigenen zentralen Angelegenheiten nicht zu regeln in der Lage sind und uns ununterbrochen mit erhobenem Zeigefinger in jene der anderen einmengen, bei welchen wir auf Grund unseres Unvermögens, Haus zu halten, tausende Milliarden Schulden angehäuft haben?

        Es gibt ein Kernübel, das für den gegenwärtigen Abstieg der Europäer besonders mitverantwortlich zeichnet: Der Irrglaube, die Welt belohne jene, welche die eigenen, unhinterfragten, ach so edlen ethi-schen Motive zur unabänderlichen Richtschnur allen Handelns machen. Diesem uns allen durch Erzie-hung, Religion und alltäglichen Brainwash der political correctness – dem perfidesten, undemokrati-schesten, hinterhältigsten Gesinnungsterror, der jemals ersonnen wurde – in Fleisch und Blut überge-gangenen Irrtum verdanken wir einen großen Teil der Übel, mit welchen Europa in zunehmendem Ma-ße zu kämpfen hat. Der Irrtum, an jede politische Entscheidung ausschließlich den Maßstab zwischen-menschlicher ethischer Prinzipen anzulegen, besteht schlicht und einfach darin, dass die Welt insge-samt, der Mensch im Besonderen, und große Massen vom Menschen an und für sich, ganz einfach nicht gut im Sinne der Bergpredigt sind. Große Menschenmassen verhalten sich in Drucksituationen vollkom-men amoralisch gegen andere Menschenmassen. Ausdruck und Konzentrat dieser Amoral ist das Verhal-ten von Spitzendiplomaten und Staatsmännern undemokratischer Regime – und nicht nur jener.

        Das Prinzip von Gut und Böse ist ein sehr einfaches, das die Menschen- und vor ihnen schon, in Ansät-zen, alle höheren Lebewesen- entwickelt haben, um den Umgang untereinander im täglichen Verkehr einigermaßen erträglich zu machen. Es aber zur alleinigen Richtschnur von Entscheidungen zu nehmen, die komplexer sind als die einfache Messlatte der Zehn Gebote vorgibt, kann viel mehr Schaden anrich-ten als eine wohlüberlegte Abwägung der Folgen einer Handlung in einem komplexen Umfeld, gefolgt von einer Tat, die den normalen Moralvorstellungen gar nicht entsprechen muss.
        Es ist sehr einfach, ja fast feig und ganz sicher egoistisch, in solchen Fällen rein individuelle ethische Motive zum Ansatz zu bringen. Die Folgen für die Betroffenen können verheerend sein, wie viele ge-schichtliche Beispiele einleuchtend zeigen.

        Wäre Graf Stauffenberg bei seinem – von Planung und Durchführung her ja höchst hinterhältigen und damals von Millionen als ehrlos empfundenen Mordversuch an Hitler- erfolgreich geblieben, wären wohl etliche hunderttausend Menschen weniger einen sinnlosen Tod gestorben. Würde Europa alle jene, die weltweit in Not sind, verfolgt werden oder knapp vor dem Hungertod stehen, aufnehmen, wie es das Gebot der Nächstenliebe eigentlich zwingend vorschreibt, so würden hierzulande in wenigen Jahrzehnten die gleichen Zustände herrschen wie in den notleidenden Ländern – und niemandem wäre wirklich geholfen. In vitro kann man das in den Banlieus und anderen Reagenzgläsern der Zukunft be-reits beobachten.

        Ein Manager, welcher sich in einer existentiellen Krise eines Unternehmens nicht über sein ehrliches und schlafraubendes Mitleid mit tausenden Gekündigten, die zum Teil in wirkliche Not verfallen, hin-wegsetzt, riskiert, dass noch etliche tausende andere dasselbe Schicksal erleiden. Ein Polizist, der aus menschlich durchaus verständlichen Motiven bei einem sympathischen Verkehrssünder mehrfach beide Augen zudrückt, setzt aufs Spiel, dass dieser das nächste Mal noch unvorsichtiger verfährt und, z. B., Schulkinder zu Tode bringt. Schülern ist keineswegs geholfen, wenn Lehrer, um niemandem wehzutun zu müssen, die Standards so weit herabdrücken, dass das gesamte Niveau schwer darunter zu leiden beginnt.

        Hätte man, wie es die Bergpredigt verordnet, Herrn Milosevic damals, als er begann, ganze Volksgrup-pen systematisch auszurotten, „die linke Backe auch noch hingehalten“ – wer weiß, was noch alles pas-siert wäre. Es bedurfte der Amerikaner, die den ganzen Atlantik überqueren mussten, um tausende un-ter Massakern leidende Europäer zu retten, deren Landsleute betulich in moralinsaurem Palaver ver-harrten. Dasselbe passierte im Falle Libyen, während man sich in Afghanistan, wohl verschanzt hinter hohen Kasernenmauern, der Illusion wohltätiger Heldentaten hingibt – freilich ohne wirklich etwas da-bei riskieren zu wollen. Sicherheitshalber zieht man jetzt, bestens begründet und im Bewusstsein hehrer Pflichterfüllung, medaillengeziert ab. Dahinter wieder einmal….. die Sintflut.

        Wäre es so einfach, bei jeder politischen Entscheidung lediglich die zehn Gebote heranzuziehen, oder der gerade herrschenden Mode politisch korrekten Verhaltens getreu zu folgen – jeder halbwegs eifrige Mensch könnte sich dann zum Staatsmann aufwerfen. Die allermeisten jener, die das heutzutage tun, verfallen ja genau diesem Irrtum: Tue ausschließlich und rechtzeitig das Gute, so ist dem ganzen Volk, der Umwelt und unseren Nachkommen sogleich nachhaltig geholfen. Sie wissen nicht, dass das primiti-ve Gute in einem komplexen System ganz schön viel Schlechtes verursachen kann. Schon nach kurzer Zeit müssen die allermeisten Gutbeflügelten erkennen, dass damit nicht weit zu kommen ist, dass die Auswege aus Zielkonflikten oft sehr schwer und nur unter Verletzung der einen oder anderen morali-schen Kategorie zu finden sind – und dass Rechthaben und gute Absichten noch lange nicht ausreichen, um Macht und Geld die Stirn zu bieten. Das erleben gerade die hilflosen Vorkämpfer des Klimawandels bei der x-ten Gipfelniederlage in Polen, die Amerikaner in Afghanistan, die Europäer in der Ukraine und der amerikanische Prediger – Präsident im eigenen Lande.

        Die Reaktionen auf die immer wiederkehrenden Niederlagen von Tugendbolden, die sich ins Joch des Tuns begeben haben, sind stets dieselben. Manche verharren in einer entscheidungslosen Starre, ande-re suchen ihr Heil in steriler Aufgeregtheit unter gleichzeitigem Bemühen, die andrängenden Entschei-dungen auf Dritte abzuwälzen, wieder andere erkennen, dass ihre ursprünglich hehren Prinzipien in ihrem Amte nichts taugen, werfen sie insgesamt komplett über Bord, verlieren jegliche Orientierung und werden zu unberechenbaren, tückischen Monstern. Etliche verlassen weinend die Walstatt und versin-ken in Selbstmitleid. Und alle miteinander ebenen den Boden für die wirklichen Schurken, von denen sie insgeheim verlacht und ausgebeutet werden. Nur wenige, die Kleineren, Dümmeren, werden ertappt.

        Wieder andere, wie ich, der ich dereinst, wie ja via Google eruierbar und nicht zu leugnen, auch ein überzeugter Missionar und leuchtender Protagonist der allumfassenden Tugend war, beobachten die Kakophonie mit leidenschaftslosem, kaltem Interesse und warten auf den Tag, da das Wissen darum, dass es so nicht weitergehen kann, unversehens in eine schicksalhafte, unentrinnbare Notwendigkeit, zu handeln, umschlägt.
        Niemandem noch ist es gelungen, dies alles zusammen knapper darzustellen als Christian Morgenstern in seiner Parabel vom vegetarischen Hecht:

        Der Hecht

        Ein Hecht, vom heiligen Anton
        Bekehrt, beschloss, samt Frau und Sohn
        Am vegetarischen Gedanken
        Moralisch sich emporzuranken.

        Er aß seit jenem nur noch dies:
        Seegras, Seerose und Seegrieß.
        Doch Gries, Gras Rose floss, o Graus
        Entsetzlich wieder hinten aus.

        Der ganze Teich ward angesteckt
        Fünfhundert Fische sind verreckt.
        Doch Sankt Anton, gerufen eilig
        Sprach nichts als „Heilig! Heilig! Heilig!“

        Das Schicksal bewahre uns davor, dass dann kein Ausweg mehr offen, der Point of no return überschritten ist. Sicher bin ich mir dessen keineswegs. Aber, wie ich nunmehr ganz sicher weiß: Ich kann gegenwärtig nicht das Mindeste dagegen tun: Die Zeit ist dazu nicht reif.

        • Johann Hochstöger

          “… Wir alle wissen … können die Weitsicht, Phantasie, den Unternehmensgeist und Kampfinstinkt des Unternehmers nicht ersetzen.”

          Eine kühn-martialische Beschreibung des Unternehmers die der bitteren Realität durchaus nahe kommt. Denn längst ist klar, dass Krieg in den Vorstandsetagen herrscht. Gekämpft wird nicht offen mit Schwert und Schild sondern per verdecktem Visier mit Korruption, gekauften Gesetzen, illegalen Kartellen und getürkten Bilanzen. Und wie in militärischen Auseinandersetzungen leiden nicht die Generäle unter falschen Strategien sondern immer mehr unschuldige Menschen durch Voodoo-Ökonomie irr(e)geleiteter Eliten.

          Und wie am militärischen Schlachtfeld bringt der Kampf des ungehemmten freien Marktes zu viele Verlierer hervor, um am Ende des ökonomisch/ökologischen SUPERGAUs den vermeintlichen Gewinnern noch große Freude zu bereiten. Denn den typischen Unternehmer der sich mit Weitblick etc. noch selber um seine Firma und Belegschaft kümmert den gibt es, kleinere KMUs ausgenommen, immer seltener. Aktionäre und Investoren sind an seine Stelle getreten und anonymisieren persönliche Verantwortung, was es erleichtert vermehrt und zu Millionen Arbeitsplätze zu vernichten und prekäre Arbeitsverhältnisse samt schleichender Verarmung auch in unseren Breiten zu schaffen.

          Wir (Europäer+USA) können und dürfen, aus verschiendensten Gründen, viele unserer ohnehin augenzwinkernden Wertvorstellungen nicht als Schablone alleingültiger und seligmachender Normen anderen überstülpen. Viele Völker und Länder leiden heute noch, wegen Verlustes ihrer einstigen Leitkulturen, unter ihrer auch gewaltsamen Zwangsmissionierung. Anderes ist auch der vorgeblich alternativenlose Vormarsch ungehemmter Marktmacht durch politische Unterstützung nicht.

          Wenn, wie auch in Europa, die herrschende Filzokratie aus Politik und Konzernbossen es nicht schafft wieder Politik für die Menschen und nicht nur für eine kleine Klientel zu machen verstehe ich die stärker werdenden Widerstände gegen eine Union die zunehmend Ängste schürt deren Einfluss könnte weiter zunehmen.

          Die zehn Gebote will ich nicht gering schätzen. Sie bieten eine gute Richtschnur für ein anständiges Leben. Doch auch andere Religionen beanspruchen dies für sich. Sie zu verdammen halte ich für den falschen Weg.

          Denn Unternehmertum alleine ist eine allzu durchschaubare Religion.

    • derRabl

      Klingt sehr düster, aber weitgehend kann ich diese Meinung teilen Für “Maria-Hilflosen-Strasse” gibt es ein Sternderl :)

  3. Lord Schaumlöffel

    Bitte mich zu korrigieren, wenn mich meine schwammige Erinnerung trügt. Aber wird bei der Nachfolgefrage nicht nach demselben Muster vorgegangen wie einst, als Helmut Zilk abtrat? War es da nicht auch so, dass der sich seinen Nachfolger mehr oder weniger ausgesucht und das Amt auf sicherem Boden übergeben hat?
    Soll keine Rechtfertigung der Ereignisse, nur eine quasihistorische Einordnung sein.

Hinterlasse eine Antwort