Februar 1934: Mein Vater hat geschossen

Bis in den Hof der Brucker Gendarmeriekaserne waren die Schutzbündler vorgedrungen. Durch die Fenster feuerten die belagerten Polizisten und Gendarmen. Er konnte später nie ausschließen, dass es eine Kugel aus seinem Gewehr war, die Sepp Linhart tötete. Mein Vater hat jedenfalls geschossen im Februar 1934. Tragischer Höhepunkt eines kleinbürgerlichen österreichischen Lebens mit versöhnlichem Ausgang.

Aufgewachsen im elterlichen gehobenen Wohlstand, sein Vater war Großhändler für Geschirr in Graz, als junger Mann und präsumptiver Erbe in der Wirtschaftskrise über Nacht abgestürzt aus der eleganten Villa am noblen Grazer Rosenberg in die Dienstbotenkammer eines Gasthauses im Stiftingtal.

Konservativ-monarchistisch Erzogene hielten damals schnell “die Roten” für die Schuldigen am eigenen Absturz und Elend.

Mein Vater hat die Radikalisierung jener Jahre mit gemacht. Karriere als Polizist und dann in den “Ostmärkischen Sturmscharen” (http://de.wikipedia.org/wiki/Ostm%C3%A4rkische_Sturmscharen), als katholisch-patriotische Organisation in Abgrenzung zu den zunehmend NS-nahen Heimwehren von Kurt Schuschnigg gegründet.

Mein Vater hat in doppelter Funktion gekämpft und geschossen in diesen Februar-Tagen 1934, als Polizist und als Bezirkskommandant der Sturmscharen.

Am Ende war der Schutzbündler Sepp Linhart tot. Und mein Vater, der nie wissen sollte, ob ihn seine Kugel tötete, bekam einen kleinen Orden der Republik.

Bruck an der Mur ist eine Kleinstadt, in der jeder jeden kennt und jeder vom anderen weiß.

Erwin Linhart, Sepps Bruder und damals selbst aktiv kämpfend, kannte die Rolle meines Vaters im Februar 1934, als er 20 Jahre später sozialistischer Stadtrat und schließlich Bürgermeister von Bruck wurde. Mein Vater war nach dem Krieg als Beamter und Stadtkassier im ständigem dienstlichen Kontakt mit dem Finanz-Stadtrat Linhart.

Erwin Linhart, der Bruder des gefallenen Schutzbündlers Sepp, und mein Vater, der nicht wusste ob es damals seine Kugel war, hatten also dienstlich und persönlich viel miteinander zu tun. Sie wussten voneinander, aber der Februar 34 war nie ein Thema zwischen den beiden Männern 20, 30 Jahre danach.

Erwin Linhart konnte die Karriere meines Vaters, des engagierten und loyalen C-Beamten der Stadtgemeinde bestimmen. Als er schließlich Bürgermeister wurde, beantragte er bei der steirischen Landesregierung eine zusätzliche Beförderungsstufe für seinen Stadtkassier.

Erwin Linhart und mein Vater haben ihre gemeinsame Kranzniederlegung unausgesprochen und im Stillen vollzogen.

Als ich zuletzt das bescheidene Grab meines Vaters auf dem Brucker Stadtfriedhof besuchte, bin ich auch zum Ehrenmal für die gefallenen Schutzbündler von 1934 gegangen. Zu Sepp Linhart.

 

 

 

Kommentare

  1. Adalbert Krims

    Danke für diesen persönlichen Beitrag zum 12. Februar!

  2. margaretha kopeinig

    Lieber Herr Rabl,
    sehr berührend und reflektierend. Gibt es unausgesprochene Versöhnung. Ich denke, ja.

  3. Herbert Mayrhofer

    Mein Grossvater hat zurück geschossen; und zwar in Linz bei der “Neuen Brücke” heute Eisenbahnbrücke. ER musste dafür flüchten, kam zurück, wurde in den Kerker geworfen….
    Die Frage die bleibt: Sind diese Geschichten hilfreich um eine neue Auflage von 1934 zu verhindern, oder “verklären” diese Geschichten eine menschenunwürdige Auseinandersetzung als minder tragisch, weil man sich im Einzelfall dann ohnehin wieder aussöhnen konnte? Naja, dann war`s wahrscheinlich eh nicht so schlimm, damals…..?.

  4. Lord Schaumlöffel

    Sehr geehrter Herr Rabl,

    dieser kleine Text hätte eine weitere Verbreitung verdient als “nur” ihren Blog. Weil er etwas transportiert, das uns in der Gegenwart zunehmend abhanden kommt, nämlich die Fähigkeit, Ereignisse – durchaus auch sehr, sehr tragische – abzuschließen und einander zu vergeben.

    Es wird sich zeigen, ob die jetzigen Generationen diese Kraft nach den Auseinandersetzungen, die auf uns zukommen (die wir aber aus naheliegenden Gründen total verdrängen) auch haben werden.

  5. Hanno Soravia

    Wirklich berührend wie man Gräben überwinden kann!
    Die Kärntner können dies mit den Partisanen nicht solche Brücken zu bauen!
    LG
    Hanno

    • Christl Zednik

      Lieber Peter,
      für Dich wichtig, daß Du diesen, Deinen so persönlichen Beitrag zum 12.Februar geschrieben und auch das Ehrengrab Sepp Linhart’s besucht hast.Ein berührendes Beispiel von Gräben überwinden, das uns zum Nachdenken zwingen sollte.
      Christl

  6. Max Palla

    Danke, lieber Peter, für diesen berührenden Text.

  7. Josef Neumayr

    Danke. Sehr berührend, sehr verbindend. Hatte Sepp Linhart Kinder?

  8. brigitte R. Winkler

    Da fuer mich noch in den 1960-er Jahren der Geschichtsunterricht in der damaligen Lehrerbildungsanstalt in Klagenfurt im Jahr 1900 endete, bin ich bis heute ueber jede dieser Geschichten dankbar.

  9. Manfred Kunze

    jede Zeit hat Ihre Probleme – wir können uns glücklich schätzen, dass wie in weniger extremen Zeiten leben!
    Die jetzigen, dummen Politiker tun alles um die Polarisierung in det Gesellschaft zu fördern – entsetzlich!

  10. Aniko Buchacher

    Lieber Peter, die Geschichte hat mich sehr berührt. Liebe Grüße, A.

  11. Peter Schmid

    Großen Respekt vom öffentlichen Outing Ihrer sehr persönlichen Geschichte. Historische Hintergründe, wie Sie meiner Generation im Schulunterricht verwehrt wahren. Allerdings denke ich ein Schütze kennt sein Ziel, oder ?

  12. Hubert Feichtlbauer

    Mehr wert als die schönsten Schreibtischphrasen – und ein Beweis dafür, dass von Menschen, die dabei waren, schon längst “bewältigt” worden ist, woran manche Politiker und Logenkommentatoren noch immer kiefeln!

  13. Eva Stadler

    Lieber Peter, danke für diese sehr persönliche Geschichte, ich glaube, Dein Vater wäre sehr berührt gewesen von Deinem Besuch des Schutzbündler-Ehrengrabes. Wie alt war Dein Vater eigentlich damals ? Ich nehme an, ein ganz junger Bursche, aufgewachsen in der alles andere als friedlichen Zwischenkriegszeit…Ich könnte mir übrigens vorstellen, daß dem Bürgermeister Linhart bewußt war, daß es genauso gut umgekehrt hätte kommen können – nämlich daß sein Bruder zufällig Deinen Vater hätte erschießen können… Was zum Glück nicht passiert ist, denn dann hätten wir DICH nicht ! Herzlichst, Eva

  14. Klaus Woltron

    Mein Onkel war bei den Hahnenschwänzlern und ein erklärter Gegner der Nazis. Für diese rückte er nach Stalingrad ein und kam nie mehr zurück.

  15. Heribert Steinbauer

    Wichtig, ehrlich und besser als die Reden,
    die jetzt gehalten werden

  16. Herbert Lackner

    Ich mag Geschichten mit Happy End

  17. michael horowitz

    berührend.

  18. peter mitmasser

    ob wir aus der geschichte gelernt haben oder ob sie sich wiederholen könnte?

  19. Wobrowsky Hannelore

    Lieber Herr Rabl!
    Die Ereignisse vom 12. Februar 1934 kenne ich nur aus den Erzählungen meines Schwiegervaters, der in Wien auch mitgekämpft hat. Das ganze war für ihn immer tragisch und sinnlos. Ihr Artikel hätte ihm sicher sehr gefallen. Auch wegen der unausgesprochenen und stillen Versöhnung.
    Mit lieben Grüssen.

  20. Clemens Neuhold

    Berührend und eine Erklärung dafür, wie nur 11 Jahre nach 1934 gemeinsam ein Land aufgebaut werden konnte

  21. Rudolf Gruber

    Danke für diesen großartigen Text!
    Mein Großvater war Bäcker und ließ einen seiner Gesellen regelmäßig zum Geigenspielenlernen nach Steyr fahren. Der machte aber keine

  22. Rudolf Gruber

    Danke für Ihren Text!
    Der Bäckergeselle meines Großvaters mütterlicherseits fuhr regelmäßig nach Steyr, um Geige zu lernen, machte aber keine Fortschritte – im Geigenkasten befand sich ein Teil eines zerlegten MG. Was aus dem Bäckergesellen geworden ist, weiß ich nicht. Der einzige Sohn meines Großvaters fiel 1941 20 km vor Moskau.

  23. Franz lankmair, graz

    Hochachtung Herr Rabl, offen und ehrlich ! Mfg Ihr fr.lankmair

  24. Marcus Mittermeier

    Danke Peter für diesen schönen berührenden und persönlichen Text

  25. Ari Rath

    Lieber Peter,

    die Versöhnung von Erwin Linhart, dem Bruder des gefallenen Schutzbündlers Sepp Linhar mit Deinem Vater, dem ehemaligen Ostmärkischen Sturmscharler, ist sehr berührend und beeindruckend. Dass der Bürgermeister Erwin Linhart dann alles getan hat, um die berufliche Karriere Deines Vaters zu fördern, beweist eine einzigartige seelische Kraft der Versöhnung. Den tiefen Abgrund des Februar 1934 Bürgerkriegs zu überbrücken und die schmerzvollen Wunden dieses tragischen Kapitels der Ersten Republik zu heilen, könnte man ohne so einer seelischen Kraft der Versöhnung, die Du auch bewiesen hast, nicht verwirklichen.

    Bin Dir sehr dankbar und davon bewegt einen Einblick in diesen, mir bisher unbekannten Teil Deines Lebens haben zu dürfen.

    Da es eben keine Zufälle im Leben gibt, habe ja ich das Thema von Schuschniggs Ostmärkischen Sturmscharen angesprochen. Dein Blog beweist ja auch dass die Heimwehr von Rüdiger Starhemberg und dem berüchtigten Major Fey sich langsam den Nazis angenähert hat. Beim Nazi-Putsch Am 25. Juli 1934, als Dollfuss in seiner Kanzlei am Ballhausplatz ohne medizinischer und seelischer Hilfe verbluten musste, hat Major Fey, der angeblich in der Nähe war, eine bis heute ungeklärte Rolle gespielt.

    Lieber Peter, nochmals vielen Dank für unser gutes Mittagessen und die schönen Stunden mit Dir.

    Herzlichst,
    Ari

  26. Alfred Haas

    Sehr geehrter Herr Rabl!

    Sie haben vor ca 3 Jahren im Kurier einen Artikel über Integration geschrieben.
    Dabei wurde eine türkische Staatsbürgerin über Deutschkentnisse befragt.
    Diese antwortete, dass sie nicht Deutsch lernen müsse, da sie in ca 20 Jahren alles in Europa bestimmen werden.

    Falls Sie diesen Artikel noch in Händen haben, würde ich diesen für Diskussionszwecke brauchen.

    Alfred Haas
    Bahnhofstrasse 38/4
    3430 Tulln

  27. KennalmowLop

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