Die USA kritisieren ist kein Antiamerikanismus

8. Mai, 70. Jahrestag der Befreiung von der Hitlerei. Ein würdiger Anlass, dankbar an die Befreier aus den USA zu erinnern, ganz gewiss. Obwohl wir den Russen, Erben der Sowjetunion, mindestens ebenso dankbar sein müssen. Sie haben die größten Opfer im Krieg gegen Nazi-Deutschland gebracht und sie haben auch den Großteil Österreichs militärisch befreit. Darauf hinzuweisen, schmälert nicht die großen Leistungen der Amerikaner. Noch dazu, weil sie danach mit dem Marshall-Plan den Wiederaufbau Österreichs und halb Europas erst möglich gemacht haben. Zumindest in der erstaunlichen Geschwindigkeit der Auferstehung aus Ruinen.

Dankbarkeit für historische Hilfe kann aber nicht dauernde Kritiklosigkeit an den Aktualitäten US-amerikanischer Politik bedeuten. Die USA sachlich zu kritisieren ist kein Antiamerikanismus, auch wenn das in diesen Tagen manche Kommentatoren so darstellen wollen.

Faktum ist leider, dass in den vergangenen 20 Jahren nichts Gutes für Europa vom großen transatlantischen Freund gekommen ist. Das erfreuliche Ende des kommunistischen Sowjetimperiums und damit die Alleinstellung der USA als militärische und ökonomische Supermacht hat den Amerikanern nicht gutgetan, und uns Europäern schon gar nicht.

Ökonomisch haben die Amerikaner uns ihr neues Modell des Turbokapitalismus beschert, via Globalisierung auch aufgedrängt: die erdrückende Übermacht des Kapitals mit dem Primat des „shareholder value“, die Bilanzregeln mit der völlig einseitigen Bevorzugung der Shareholder zulasten der langfristigen Unternehmens-Interessen, die maßlosen Deregulierungen mit dem Ergebnis eines zügellosen und verantwortungsfreien Marktes, die Dominanz der Finanzwelt über die Realwirtschaft, die Herrschaft der Märkte über die Politik – Stichwort „marktgerechte Demokratie“.

Die Krise von 2008 war die Folge, an den Problemen kauen die Europäer wohl noch lange. Ganz zu schweigen vom nachhaltigen Schaden, den die Russen durch den aus den USA und mit ihren Chikago Boys orchestrierten überhasteten Wechsel von der Planwirtschaft in den Raubtierkapitalimus der Oligarchen  zu ertragen haben.

Politisch haben die USA weithin rücksichtslos ihre Interessen durch- und umgesetzt. Der scheidende Präsident Dwight D. Eisenhower hatte 1961 vor seinem Abschied aus dem Weißen Haus als erster vor dem „militär-industriellen Komplex“ gewarnt. Er konnte nicht ahnen, dass dieser Filz von Politik und privater Militärindustrie 40 Jahre später zur bestimmenden Konstante der Außenpolitik seiner Nachfolger werden könnte.

Afghanistan, Irak, Libyen, es ging bei den großen Militärinterventionen der Supermacht neben dem Kampf gegen den echte oder konstruierte Terrorbedrohung letztlich immer um ökonomische Interessen der USA und um Megageschäfte für die Ölmultis und die mit der Politik engst und zum guten Teil in blanker Korruption  verbundene private Sicherheitsindustrie.

Die Probleme erben die Europäer mit wachsender Unsicherheit im benachbarten Nahen Osten und in Nordafrika, mit Flüchtlingsströmen aus in jeder Hinsicht zerstörten Staaten, mit steigender Bedrohung durch den islamistischen Terror.

Transatlantische Freundschaft zwischen den USA und Europa ist längst vom Streben nach einseitiger Dominanz der amerikanischen Interessen und ziemlich brutal ausgefochtener  ökonomischer Konkurrenz ausgehöhlt. Überdrehte und praktisch unkontrollierbare US-Geheimdienste kämpfen nicht nur gegen Terroristen sondern spähen ungeniert europäische Institutionen, Politiker und Unternehmen aus. Die amerikanische Finanzindustrie der Wall Street, die von ihnen finanzierten Politiker in Administration und Kongress, und ihre Ratingagenturen manipulieren fast nach Belieben Märkte und Währungen zum Schaden der EU und des Euro.

Nein, die USA von 2015 sind nicht mehr die idealistische, bewundernswerte Demokratie und die offene Gesellschaft der 40er Jahre. Die USA von heute ist zunehmend ein plutokratisches, also politisch vom großen Geld beherrschtes, System voll sozialer Ungerechtigkeit.  Und sie sind Europa weniger Partner in Freundschaft als Gegner in blanker Konkurrenz.

Die heutige USA und ihre Politik zu kritisieren ist nicht Antiamerikanismus sondern notwendige nüchterne Analyse einer von ihren eigenen Idealen abgedrifteten selbstsüchtigen Weltmacht.

 

 

 

Kommentare

  1. Gerhard Weis

    dieser Kommentar war überfällig — manche “Spitzenpolitiker” (auch unseres Nachbarlands) führen sich auf wie Dackel an der (eher kurzen) US-Leine…siehe Abhöraktionen …

  2. Josef

    14.Mai 10:30
    Zur Kritik an USA:
    Eine, auf dem Boden dewr Realität sachlich geführte Kritik ist für eine erfolgreiche Weiterentwicklung, egal in welchen Bereich immer wichtig.

    Ob eine Kritik an der Dynamik der USA und der weiteren kapitalistischen westlichen Welt, aus dewr Sicht des Europäischen Stillstandes gerechtfertigt ist, stelle ich in Frage.

    Europa ist unmündig und braucht einen Sachwalter – hoffentlich keinen postkommunistischen Sozialdemokraten.

    Zum Dank an die Sowjetunion:
    Ein Dank an die Sowjetunion für die größten Opfer zur Befreiung vom NS-Diktat, ist neu. Man spricht von ca. 165 Millionen menschlichen Opfer von 1914 bis 1989 und da gibt es einen wesentlichen, von der Sowjetunion verursachten Anteil, der mit der Befreiung vom NS-Diktat nichs zu tun hat. Vieleicht sieht man die geschichtliche Entwicklung des 20. Jahrhunderts einmal sachlich vom Ganzen – ohne einseitiger Schuldzuweisung.

    Die USA, Britanien und Frankreich haben ebenfalls riesige Opfer gebracht, ohne Gemetzel an der Deutschsprachigen, zivielen Bevölkerung vor und nach 1945.

    Man betrachte die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung in den von den USA, Britanien und Frankreich besetzten Deutsch – Österreichischen Länder und stelle die Entwicklung in den von den Sowjets besetztn Ländereien gegenüber. Beide haben wirksam und erfolgreich – entnazifiziert, nur unter welchen Bedigungen.

    Europa ist unmündig und braucht eien Sachwalter – hoffentlich keinen postkommunistischen Sozialdemokraten.

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